Von Drauss vom Walde
Typ: Gruppenabenteuer
Spielerzahl: Keine Angabe
Stufen: Durchschnittlich
Genre: Detektiv- und Dungeonabenteuer
Regelsystem: DSA 5
Seitenzahl: 12 Seiten
Autor: Kai Frerich
Cover: KI / Kai Frerich
Illustration: KI / Kai Frerich
Region: Westliches Bornland
Erfahrung Meister: Mittel
Erfahrung Spieler: Gering
Voraussetzung Helden: Wildnisleben und Kampferfahrung
Anforderungen Helden: Gesellschaftstalente 2/4, Kampftalente 3/4, Handwerkstalente 1/4, Lebendige Geschichte 1/4
Erschienen: 18. Dezember 2024
Buchnummer: Keine Angabe
Erhältlich bei: Ulisses
Inhalt „Von Drauss vom Walde“
Die Helden geraten in einer Schneelandschaft im Bornland in eine Gaststätte und erfahren dort, dass der Geschenkebringer in der folgenden Nacht kommen wird. Doch etwas Schreckliches passiert und die Helden müssen herausfinden, was mit dem Geschenkebringer passiert ist und ob das winterliche Fest doch noch gerettet werden kann.
— Klappentext des Abenteuers; zur Weiterverwendung siehe Ulisses-Disclaimer.
Zusatzinformation:
Es ist als kostenlos im Scriptorium Aventuris zu haben.
Bewertung der Redaktion
Fazit
Einleitung mit Vorbemerkung
Von Drauss vom Walde habe ich in der Vorweihnachtszeit selbst geleitet – mit zwei Spielerinnen, die Lust auf ein stimmungsvolles, eher ruhiges Abenteuer hatten. Das Szenario stammt von Kai Frerich, den viele aus dem Podcast-/Videocast- und YouTube-Umfeld als Vier Helden und ein Schelm oder aus der SchelmSchau kennen. Seine Nähe zu Das Schwarze Auge, sein Gespür für aventurische Atmosphäre und sein sichtbarer Respekt vor dem Setting haben bei mir von Anfang an Vertrauen erzeugt.
Entsprechend erwartungsvoll bin ich an dieses Abenteuer herangegangen. Schon der Titel und die Anlehnung an bekannte Motive lassen erahnen, dass hier kein großes Heldenepos, sondern ein kleines, emotionales Wintermärchen erzählt werden soll. Genau solche Abenteuer schätze ich besonders: überschaubar im Umfang, klar in der Idee, aber tief genug, um Figuren und Welt lebendig werden zu lassen. Besonders in der ruhigen Vorweihnachtszeit, mag ich es eher beschaulich. Danach kann es in Kamapgnen gerne wieder kämpferisch und länger zugehen.
1. Aufbau und Inhalt
Der erste Eindruck zählt – und Von Drauss vom Walde beginnt sehr stimmungsvoll. Das Deckblatt zeigt eine winterliche Szene mit einem alten Mann auf einem Karen-Schlitten, begleitet von Verfolgern im Schneesturm. Auch wenn das Bild offensichtlich mit KI erstellt wurde (was bekanntlich nicht jedermanns Sache ist), hat es bei mir genau den richtigen Ton getroffen. Ich persönlich mag solche Motive, gerade wenn sie klar zeigen, wohin die Reise atmosphärisch geht: Kälte, Schnee, Einsamkeit, gepaart mit etwas Verdächtigem, aber auch Wärme und Hoffnung.
Der innere Aufbau des Abenteuers ist klar und gut strukturiert. Auf wenigen Seiten werden Setting, Hintergrundgeschichte, Einstieg, Nachforschungen, Wildnisteil und Dungeon sauber voneinander getrennt dargestellt. Das Abenteuer ist explizit für DSA 5 geschrieben und richtet sich an durchschnittlich erfahrene Heldengruppen. Besonders positiv fällt auf, dass die Komplexität bewusst gering bis mittel gehalten wird – sowohl für Spieler als auch für die Spielleitung.
SPOILER: Inhaltlich geht es um das Verschwinden eines mysteriösen Geschenkebringers im westlichen Bornland. Seit Jahren bringt ein alter Einsiedler in der Nacht vom 24. auf den 25. Hesinde handgefertigte Geschenke in die umliegenden Dörfer. Dieses Jahr jedoch bleibt die Bescherung aus. Die Kinder sind traurig, die Erwachsenen verunsichert – und die Helden geraten mitten in diese Situation hinein. SPOILERENDE
Der Aufbau folgt einer klassischen, sehr funktionalen Struktur:
Einstieg in einem Dorf mit klarer sozialer Situation
Nachforschungen bei Dorfbewohnern
Spurensuche im winterlichen Umland
Konfrontation mit der Ursache des Problems
Abschluss mit emotionalem, aber nicht pathetischem Ausklang
Gerade für einen Vorweihnachtsabend ist das ein sehr dankbarer Aufbau.
2. Charaktere und Figuren
Die Stärke des Abenteuers liegt eindeutig in seinen Figuren. Sie sind nicht überkomplex, aber liebevoll gezeichnet und sofort greifbar.
Stanko Klosow – der Geschenkebringer
Stanko ist das emotionale Herz des Abenteuers. Seine Hintergrundgeschichte ist tragisch, ohne kitschig zu wirken: ehemaliger Händler, Familienvater, vom Schicksal hart getroffen, der sich nach dem Tod seiner Frau und Kinder in die Wildnis zurückzieht. Dass er dennoch jedes Jahr Geschenke für fremde Kinder schnitzt und verteilt, gibt der Figur eine stille Würde.
Im Spiel hat Stanko hervorragend funktioniert. Er ist kein Held, kein Kämpfer, sondern ein einfacher Mensch, der durch seine Handlungen Hoffnung spendet. Gerade für Spielerinnen und Spieler, die empathisch spielen, bietet er viele Anknüpfungspunkte.
Fjordo Grincheff – der Antagonist
Fjordo ist kein dämonischer Superschurke, sondern ein typischer bornländischer Räuberhauptmann: gierig, brutal, aber nicht dumm. Seine Motivation – hinter den Geschenken einen reichen Spender zu vermuten – ist vollkommen plausibel. Er ist genau die Art von Gegner, die man ernst nimmt, ohne ihn zu glorifizieren.
Besonders gelungen ist, dass Fjordo kein großes ideologisches Ziel verfolgt. Er ist schlicht Teil einer Welt, in der Armut und Gewalt alltäglich sind.
Die Dorfbewohner
Die Dorfbewohner sind bewusst einfach gehalten: Bauern, Wirte, Eltern, Kinder. Sie wirken zunächst etwas passiv, was später noch zur Kritik wird, erfüllen aber ihre Rolle als Spiegel der Stimmung sehr gut. Besonders die Mischung aus Aberglaube, Angst und Hoffnung passt hervorragend ins bornländische Setting.
3. Kritik
So gelungen das Abenteuer insgesamt ist, es gibt einige Punkte, die mir beim Leiten aufgefallen sind.
Die Szenerie ist durchgehend stimmungsvoll. Schnee, Kälte, Einsamkeit und die bedrückte Stimmung der Dörfer erzeugen sofort Atmosphäre. Das Abenteuer macht sowohl beim Leiten als auch beim Spielen Spaß, gerade weil es ruhig beginnt und sich langsam steigert.
Ein Punkt hat mich jedoch gestört:
Die Behäbigkeit der Dorfbewohner wirkt stellenweise unlogisch. Dass niemand selbst ernsthaft versucht, das Verschwinden des Geschenkebringers zu untersuchen, obwohl er seit Jahren den Dorfbewohnern bekannter ist, als den fremden Helden, musste ich als Spielleiter etwas nachjustieren. Hier ist es hilfreich, einzelne Dorfbewohner aktiver zu machen oder klarere emotionale Hemmungen einzubauen (Angst vor dem Wald, Aberglaube, Furcht vor dem Gerücht mit den Räubern), um die Passivität glaubwürdiger zu erklären.
Auch im weiteren Verlauf sollte man als Spielleiter darauf achten, das Abenteuer nicht zu „linear“ werden zu lassen. Gerade die Spuren im Schnee sind ein zweischneidiges Schwert: Folgt man ihnen zu einfach, verliert das Abenteuer an Spannung. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, um die Spurensuche herausfordernd, aber nicht frustrierend zu gestalten.
Der Botengang-Charakter (Knecht) im Abschnitt kann ebenfalls zu leicht wirken, wenn man ihn nicht etwas ausschmückt. Kleine Begegnungen, Wetterprobleme oder moralische Entscheidungen helfen hier enorm. Der Knecht hat meine Spielerinnen fast direkt zum Ziel geführt (war auch so beabsichtigt von mir, aber kann bei manchen Spielern zur Langeweile führen).
4. Fazit / Persönliche Meinung
Uns dreien – mir als Spielleiter und meinen beiden Spielerinnen – hat Von Drauss vom Walde sehr gut gefallen. Die Spielerinnen gingen zielstrebig vor, sodass wir das Abenteuer an einem Abend in etwa drei Stunden vollständig durchspielen konnten. Mit einer anderen Gruppe oder mehr Ausgestaltung lässt sich das Szenario problemlos auf zwei Spielabende (unc verm. fünf bis sechs Stunden) erweitern.
Besonders positiv hervorzuheben ist, dass das Abenteuer relativ wenig Vorbereitung erfordert. Die Struktur ist klar, die NSCs sind schnell erfasst, und die Schauplätze funktionieren ohne große Zusatzarbeit. Allerdings benötigt man ein wenig Vorbereitung, um ein paar verschiedene Dorfbewohner zu erstellen, damit es nicht zu generisch wirkt. Auch kann man die Kohlezeichnung der Familie per KI erstellen lassen und als Handout nutzen. Dies fehlt im Abenteuer noch und benötigt etwas Vorbereitung. Aber auch diese Vorbereitungszeit hält sich in Grenzen. Hier empfehle ich den Namensgenerator von rpggenerator. Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn man vielleicht nicht mehrere Abende Vorbereitungszeit investieren möchte, ist das ein großer Pluspunkt.
Man sollte als Spielleiter jedoch bewusst darauf achten,
die Spurensuche nicht zu trivial werden zu lassen,
den Schnee nicht als allzu offensichtlichen Wegweiser zu nutzen,
und den Helden den Botengang mit dem Knecht nicht zu einfach zu machen.
Gelingt das, entfaltet das Abenteuer seine volle Wirkung: als kleines, herzliches Winterabenteuer, das sich hervorragend aventurisch anpassen lässt und emotional mehr bietet, als man auf den ersten Blick erwartet.
Weil es sich um ein inoffizielles Abenteuer handelt, verzichte ich bewusst auf eine Sternebewertung. Für mich steht hier nicht der Vergleich mit offiziellen Publikationen im Vordergrund, sondern der Spielspaß – und den hat Von Drauss vom Walde eindeutig geliefert.
5. Wo kann man es bekommen?
Das Abenteuer ist bei Ulisses als PDF erhältlich:
👉 https://www.ulisses-ebooks.de/product/506115
Es wurde mal als „Pay what you want“ angeboten. Auch wenn es inzwischen kostenlos ist: Wenn ihr es spielt oder auch nur lest und mögt, gebt dem Autor gerne ein paar Euro dafür. Ich selbst konnte es noch kaufen, bevor es vollständig auf kostenlos umgestellt wurde – und habe das Geld nicht bereut. Gerade, weil der Schelm ein echt netter Kerl ist.
Unten in den Kommentaren: Abenteuer selber bewerten!

