Das Galgenschloss – DSA-Roman R33

Das Galgenschloss

Das Galgenschloss DSA Roman R33
Arndt Drechsler © Heyne / Alle Rechte vorbehalten
Zeitangabe Aventurien: Irgendein Sommer zwischen 1021 und 1031 BF
Seitenzahl:
238 Seiten
Autor: Barbara Büchner
Cover: Arndt Drechsler
Illustration: Keine Angaben
Region: Bornland, Burg Brandthusen
Erschienen: Juni 1998
Bei: Heyne
Buchnummer: R33
Erhältlich bei: Ulisses

Inhalt „Das Galgenschloss“

Als Mikail Ouvenske sein ererbtes Schloss in Besitz nehmen will, empfangen ihn von den Zinnen warnend vier Galgen. Fortan hat er alle Hände voll zu tun, sich der blutigen Vampir-Plage zu erwehren, die sein Gut heimsucht. Doch dann verdächtigt ihn die Praios-Inquisition eines Dämonenpakts und verhaftet ihn …
— Klappentext des Werkes; zur Weiterverwendung siehe Ulisses-Disclaimer

Zusatzinformationen:
Keine Angaben.

Bewertung der Redaktion

  • Bewertung
3.5

Fazit

Mein Vorhaben, nach und nach alle DSA-Romane zu lesen, führt mich mittlerweile zum 33. Band der klassischen Romanreihe: „Das Galgenschloss“ von Barbara Büchner. Zuletzt hatte ich mit „Das letzte Lied“ von Gun-Britt Tödter einen Roman vor mir, der mir aufgrund seiner vielen Perspektiv- und Szenenwechsel einige Probleme bereitet hatte. Entsprechend gespannt war ich, ob mich Barbara Büchner nach ihrem bereits gut lesbaren „Aus dunkler Tiefe“ wieder stärker abholen kann. Diesmal geht es ins Bornland, wo ein unerfahrener junger Baron nicht nur mit seinem neuen Stand, sondern auch mit der düsteren Vergangenheit seiner Familie und einer unheimlichen Bedrohung konfrontiert wird. Ob mir die Mischung aus Gruselgeschichte, Vampiren, Rahja, Praios-Inquisition und dem Erwachsenwerden eines jungen Adeligen gefallen hat, erfahrt ihr am Ende in meiner persönlichen Meinung zum Roman.

 

Inhalt

Mikail Ouvenske weiß zu Beginn der Geschichte selbst kaum, wer er eigentlich ist. Seit seinem dritten Lebensjahr lebt er bei Magiern in Donnerbach und wurde dort von dem alten Magier Melcher großgezogen. Mikail weiß zwar seinen Namen, über seine Familie und seine Herkunft wurde er jedoch weitgehend im Unklaren gelassen. Erst als seine Mutter Libussa Ouvenskaja stirbt, erfährt er die Wahrheit: Sein Vater war ein bornländischer Baron, und Mikail selbst ist der rechtmäßige Erbe der Baronie Brandthusen.

Damit beginnt für ihn ein völlig neues Leben. Aus dem behütet aufgewachsenen jungen Mann wird praktisch über Nacht ein Baron, der Verantwortung für eine Burg, ein Dorf und dessen Bewohner übernehmen soll. Nur ist Brandthusen alles andere als ein gewöhnliches Erbe. Mikail wird mit der finsteren Vergangenheit seiner Mutter konfrontiert, und schon bald steht die Frage im Raum, ob mit deren Tod das Böse tatsächlich verschwunden ist.

Passend dazu bringt bereits die offizielle Kurzbeschreibung die zentralen Gefahren des Romans ziemlich direkt auf den Punkt: Mikail wird bei seinem neuen Schloss von vier Galgen empfangen, muss sich einer Vampirplage stellen und gerät schließlich selbst unter den Verdacht der Praios-Inquisition, einen Dämonenpakt geschlossen zu haben.

 

Charakterbeschreibung

Mikail Ouvenske

Mikail ist ganz klar die zentrale Figur von „Das Galgenschloss“, und das ist für mich eine der großen Stärken des Romans. Barbara Büchner bleibt über weite Strecken sehr eng bei ihm. Dadurch wissen wir als Leser häufig tatsächlich nur so viel, wie Mikail selbst weiß – und genau das funktioniert bei einer Geschichte, in der eine schwer greifbare Bedrohung eine wichtige Rolle spielt, ausgesprochen gut.

Zu Beginn ist Mikail 23 Jahre alt und hat einen erheblichen Teil seines Lebens in Donnerbach verbracht. Er wurde von Melcher aufgezogen und besitzt trotz seines Umfeldes keinerlei eigene Magiebegabung. Dafür verfügt er über eine außergewöhnliche Stimme, deren Bedeutung ihm sein Ziehvater bereits vor seiner Abreise andeutet.
Interessanter als irgendwelche besonderen Fähigkeiten ist aber Mikails Persönlichkeit. Er ist kein selbstbewusster Adeliger, der sein Erbe übernimmt und sofort weiß, was zu tun ist. Ganz im Gegenteil. Seine neue Stellung überfordert ihn zunächst. Er muss lernen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und damit umzugehen, dass andere Menschen ihn plötzlich als Autorität betrachten.

Dabei besitzt er ein grundsätzlich gutes Herz. Sein Ziehvater hat ihm vor allem Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen vermittelt, was für seine spätere Aufgabe vielleicht wichtiger ist als jedes theoretische Wissen.

Gerade diese Unsicherheit macht Mikail für mich sympathisch. Er wächst erst nach und nach in seine Rolle hinein und bleibt dabei ein Mensch mit Ängsten, Wünschen und Begierden. Weil wir die Ereignisse hauptsächlich mit ihm zusammen erleben, funktioniert auch die düstere Seite der Geschichte besser. Wenn Mikail nicht versteht, was gerade vor sich geht, weiß es der Leser häufig ebenfalls nicht.

Thezmar Karenkis

Thezmar ist Mikails engster Freund und begleitet ihn aus Donnerbach ins Bornland. Er ist ausgebildeter Magier und stellt damit einen deutlichen Kontrast zum nichtmagischen Mikail dar. Gleichzeitig verbindet die beiden wesentlich mehr als eine einfache Zweckgemeinschaft.

Schon bevor Mikail sein Erbe antritt, ist Thezmar derjenige, mit dem er seine Sorgen und Gedanken teilt. Als Mikail plötzlich nach Brandthusen aufbrechen muss, entscheidet sich Thezmar kurzerhand dazu, ihn zu begleiten.

Thezmar gibt Mikail dadurch ein Stück seiner bisherigen Heimat mit auf den Weg. Gerade in einer Umgebung, in der Mikail niemanden kennt und nicht weiß, wem er vertrauen kann, ist das enorm wichtig.

Ihre enge Beziehung spielt auch für die rahjagefällige Seite des Romans eine große Rolle. Hier wird Barbara Büchner teilweise ausgesprochen ausführlich. Mir waren diese Szenen insgesamt etwas zu zahlreich beziehungsweise teilweise länger als notwendig. Gleichzeitig haben sie aber durchaus eine Funktion: Sie zeigen Mikails Unsicherheit und seine Suche nach sich selbst, während er gleichzeitig in seine völlig neue gesellschaftliche Rolle hineinwachsen muss.

Thyrza von Rodebrannt

Thyrza von Rodebrannt ist diejenige, die Mikail aus Donnerbach abholt und nach Brandthusen bringt. Bereits ihr erster Auftritt macht deutlich, dass sie keine gewöhnliche bornländische Adelige ist: Sie trägt die schwarze Rüstung und den Mantel einer Ordensritterin des Heiligen Golgari.

Thyrza kennt Brandthusen und dessen Vergangenheit wesentlich besser als Mikail. Dadurch wird sie für ihn zu einer wichtigen Bezugsperson in seiner neuen Heimat. Gleichzeitig umgibt sie eine gewisse Düsternis, die hervorragend zur Atmosphäre des Romans passt.

Besonders gut funktioniert sie immer dann, wenn es um die untote Bedrohung geht. Während Mikail noch versucht zu begreifen, was überhaupt geschieht, geht Thyrza wesentlich pragmatischer mit der Situation um. Wenn eine vermeintliche Vampirin in einer Gruft liegt, wird eben mit Pflock und Hammer nachgesehen.

Thimorn von Rodebrannt

Thimorn, Thyrzas Vater, gehört ebenfalls zu den wichtigen Stützen Mikails auf Brandthusen. Er kennt die Geschichte der Familie und weiß um die Gefahren, die mit Libussa und ihrem Erbe verbunden sind.

Für Mikail ist er damit einer der Menschen, auf die er angewiesen ist, um überhaupt zu verstehen, was in seiner neuen Heimat passiert. Gleichzeitig bleibt immer ein gewisses Unbehagen bestehen: Mikail kommt in eine Welt, in der praktisch alle anderen mehr über seine eigene Familie wissen als er selbst.

Libussa Ouvenskaja

Obwohl Baronin Libussa Ouvenskaja zu Beginn des eigentlichen Geschehens bereits tot ist, hängt ihre Präsenz wie ein dunkler Schatten über dem gesamten Roman. Schon vor dem ersten Kapitel steht der Bannfluch des Inquisitors Savertin gegen sie. Darin wird Libussa praktisch aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen und dazu verflucht, von Schatten umgeben zu sein.

Damit ist sofort klar: Mikails Mutter war keine gewöhnliche bornländische Baronin.

Ihr Tod setzt die gesamte Handlung überhaupt erst in Bewegung. Mikail erbt Brandthusen, gleichzeitig scheint mit Libussas Ableben das Unheil keineswegs beendet zu sein. Gerade weil Mikail seine Mutter nie kennengelernt hat, muss er sich Stück für Stück ein Bild von ihr machen. Das macht Libussa zu einer interessanten Figur, obwohl sie über weite Strecken nur indirekt präsent ist.

Zidonje

Zidonje gehört zu den Figuren, über die vor allem Mikails persönliche und rahjagefällige Entwicklung dargestellt wird. Sie begegnet ihrem neuen Herrn mit großer Zuneigung und trägt dazu bei, dass Mikail mit seinen eigenen Bedürfnissen und seiner Wirkung auf andere Menschen konfrontiert wird.

Auch hier zeigt sich jedoch einer meiner Kritikpunkte. Barbara Büchner widmet den körperlichen und erotischen Beziehungen der Figuren sehr viel Platz. Das passt grundsätzlich zum Thema Rahja und zu Mikails Entwicklung, hätte meiner Meinung nach aber stellenweise etwas gestrafft werden können.

Lydda

Mit Lydda wird die Rahja-Thematik noch stärker in die Geschichte eingebunden. Sie steht für eine ganz andere Form von Glauben und Lebensführung als die düsteren Boron-Elemente oder der später auftretende, strenge Praios-Kult.

Besonders deutlich wird das bei dem großen Rahjafest in Brandthusen. Musik, Blumen, Wein, körperliche Liebe und gemeinschaftliche Freude stehen hier im Mittelpunkt. Mikails Stimme wird ebenfalls Teil der religiösen Erfahrung der Bewohner.

Dieser Kontrast zwischen Rahjas Lebensfreude und der Todes- beziehungsweise Untotenthematik funktioniert atmosphärisch durchaus gut.

Curthan Arsteeger und Savertin

Mit den beiden Männern des Bannstrahl-Ordens erhält der Roman schließlich noch eine weitere Form der Bedrohung.

Curthan Arsteeger ist dabei der wesentlich differenziertere Charakter. Er vertritt Praios und dessen Ordnung, ohne deshalb automatisch jedes Maß zu verlieren.

Ganz anders wirkt Savertin. Der alte Inquisitor tritt Mikail von Anfang an mit großer Kälte entgegen. Schon bei der ersten Begegnung entsteht eine unangenehme Stimmung, während die Bewohner Brandthusens offensichtlich wissen, dass ein Besuch des Bannstrahl-Ordens nichts Gutes verheißt.

Dadurch verschiebt Barbara Büchner die Bedrohung geschickt. Zunächst scheint das Übernatürliche die größte Gefahr zu sein. Später muss Mikail erkennen, dass auch Menschen, die von ihrer eigenen Rechtschaffenheit überzeugt sind, ausgesprochen gefährlich werden können.

 

Nacherzählung

[SPOILER-WARNUNG]

Nach dem Tod seiner Mutter erfährt Mikail Ouvenske, dass er der rechtmäßige Erbe der bornländischen Baronie Brandthusen ist. Gemeinsam mit seinem Freund Thezmar und unter der Führung Thyrzas verlässt er sein bisheriges Leben in Donnerbach und reist in seine neue Heimat.

Dort erwartet ihn allerdings kein sorgenfreies Leben als Baron. Die Vergangenheit seiner Mutter Libussa liegt wie ein Fluch über Brandthusen, und bald verdichten sich die Hinweise auf eine untote Bedrohung. Mikail muss nicht nur herausfinden, was tatsächlich hinter den unheimlichen Vorkommnissen steckt, sondern gleichzeitig lernen, seine neue Rolle als Baron auszufüllen.

Während er versucht, das Vertrauen seiner Untergebenen zu gewinnen und die Geheimnisse seiner Familie zu verstehen, werden die Ereignisse zunehmend bedrohlicher. Die Suche nach einer Vampirin führt unter anderem in die Familiengruft der Ouvenskes, während Mikail selbst immer stärker in die rätselhaften Geschehnisse hineingezogen wird.

Gleichzeitig entwickelt sich sein persönliches Leben weiter. Seine Beziehungen zu Thezmar, Zidonje und anderen Menschen auf Brandthusen sowie die Begegnung mit dem Rahja-Glauben zeigen einen jungen Mann, der nicht nur lernen muss, ein Baron zu sein, sondern überhaupt erst herausfindet, wer er selbst sein möchte.

Schließlich tritt mit der Praios-Inquisition eine weitere Gefahr auf den Plan. Savertin verdächtigt Mikail und Thezmar eines dämonischen Paktes. Aus dem jungen Baron, der eigentlich gerade erst begonnen hat, seine neue Heimat anzunehmen, wird plötzlich ein Angeklagter, der um sein Leben fürchten muss.

Damit führt der Roman seine verschiedenen Themen zusammen: Mikails familiäres Erbe, die übernatürliche Bedrohung Brandthusens, seine persönliche Entwicklung und die Frage, wie leicht aus religiöser Gewissheit Fanatismus werden kann.

[SPOILER ENDE]

 

Szenendarstellung / Atmosphäre

Hier liegt für mich eine der größten Stärken von „Das Galgenschloss“. Barbara Büchner macht bereits zu Beginn deutlich, dass uns keine gemütliche Geschichte über einen jungen Adeligen erwartet, der ein Schloss erbt.

Schon der Einstieg ist ausgesprochen schaurig. Die Nachricht vom Tod Libussas wird nicht einfach mit einem Brief bestätigt. Thesia von Ilmenstein erhält zusätzlich ein Kästchen mit der abgetrennten Hand der Toten. Noch unangenehmer wird es, als diese Hand später in der Sammlung der Wahrerin der Ordnung plötzlich den Finger hebt und auf sie zeigt.
Damit ist die Stimmung praktisch gesetzt.

Sehr gut gefallen hat mir, dass die Bedrohung anschließend lange nicht vollständig greifbar wird. Das hängt vor allem mit der starken Konzentration auf Mikail zusammen. Er kennt seine eigene Vergangenheit nicht, kennt Brandthusen nicht und weiß nicht, welchen Aussagen er vertrauen kann. Entsprechend rätselt man als Leser gemeinsam mit ihm.

Das unterscheidet den Roman für mich deutlich von „Das letzte Lied“. Dort störten mich die vielen Sprünge zwischen Figuren und Situationen. „Das Galgenschloss“ bleibt wesentlich fokussierter. Dadurch erhalten nicht nur die einzelnen Szenen mehr Zeit, sondern auch die Charaktere können sich wesentlich besser entfalten.

Besonders gelungen sind die klassischen Gruselszenen. Ein gutes Beispiel ist der Besuch der Gruft Libussas: feuchte schwarze Schieferwände, ein dumpfer Erdgeruch, ein beißender Brodem und schließlich der Sarkophag der toten Baronin. Das ist nicht revolutionär, funktioniert aber hervorragend.

Hinzu kommen die bornländische Landschaft, das alte Schloss und die ständige Verbindung von Tod, Religion und Aberglauben. Die düstere Grundstimmung wird dabei immer wieder bewusst durchbrochen.

Der deutlichste Gegenpol ist Rahja. Brandthusen erlebt zeitweise eine regelrechte Explosion an Lebensfreude, Liebe und Sinnlichkeit. Beim Rahjafest wird musiziert, getrunken, geküsst und geliebt, während Mikail selbst mit seiner besonderen Stimme zum Mittelpunkt des Geschehens wird.

Grundsätzlich gefällt mir dieser Kontrast. Tod und Lust, Boron und Rahja, Angst und Lebensfreude stehen sich gegenüber. Allerdings übertreibt es der Roman für meinen Geschmack etwas mit den rahjagefälligen Situationen. Einige davon hätte man kürzen können, ohne Mikails Entwicklung etwas zu nehmen.

Andererseits erfüllen diese Szenen durchaus einen Zweck. Mikail ist ein junger Mann, der praktisch sein gesamtes bisheriges Leben behütet verbracht hat und plötzlich Baron wird. Er muss seine gesellschaftliche Stellung ebenso entdecken wie seine Sexualität und seine persönlichen Beziehungen. Gerade seine Unsicherheit wird dadurch glaubwürdig dargestellt.

Sehr gelungen finde ich außerdem, dass die Gefahr später ihre Gestalt verändert. Irgendwann ist nicht mehr nur die Frage wichtig, welches übernatürliche Wesen durch Brandthusen streift. Mit Savertin und der Inquisition bekommt die Geschichte eine sehr menschliche Form des Schreckens.

Mikail und Thezmar werden schließlich eines Paktes mit Belkelel beschuldigt und müssen um ihr Leben fürchten. Damit wird aus dem anfänglichen Gruselroman zeitweise beinahe ein Inquisitionsdrama.

Und genau diese Mischung funktioniert für mich überraschend gut.

 

Fazit

„Das Galgenschloss“ hat mir insgesamt deutlich besser gefallen als sein direkter Vorgänger „Das letzte Lied“. Während ich dort Probleme mit den vielen Sprüngen zwischen Situationen und Charakteren hatte, bleibt Barbara Büchners Roman wesentlich fokussierter. Vor allem Mikail steht eindeutig im Zentrum der Geschichte, wodurch man ihn als Leser viel besser kennenlernen und seine Entwicklung nachvollziehen kann.

Das halte ich für eine der größten Stärken des Romans. Mikail beginnt nicht als fertiger Held oder souveräner Adeliger. Er wird praktisch aus seinem bisherigen Leben herausgerissen und soll plötzlich eine Baronie führen, deren Vergangenheit ihm selbst größtenteils unbekannt ist. Dass ausgerechnet seine eigene Mutter dabei eines der großen dunklen Geheimnisse darstellt, macht die Situation noch interessanter.

Dadurch funktioniert auch die Bedrohung sehr gut. Wir wissen hauptsächlich das, was Mikail weiß. Und der weiß zunächst ziemlich wenig.

Genau dieses Gefühl, dass im Hintergrund etwas Dunkles lauert, das man noch nicht richtig greifen kann, hat mir gefallen. Bereits das erste Kapitel schafft mit Libussas Tod, der abgetrennten Hand und den Andeutungen über ihre Vergangenheit eine schaurige Atmosphäre, die sich durch fast den gesamten Roman zieht.

Dabei ist die eigentliche Geschichte gar nicht sonderlich kompliziert. Im Gegenteil: Der Plot bleibt relativ überschaubar und einige Entwicklungen kann man durchaus erahnen. Ein paar überraschendere Wendungen hätten „Das Galgenschloss“ deshalb gutgetan. Auch an einigen Stellen hätte Barbara Büchner ruhig noch etwas tiefer in die Vergangenheit Brandthusens oder einzelner Figuren eintauchen können.

Auf der anderen Seite ermöglicht gerade die überschaubare Handlung, dass die Figuren wesentlich lebendiger werden. Mikail, Thezmar, Thyrza und die übrigen Bewohner Brandthusens bekommen genügend Raum, um nicht nur als Stichwortgeber für den nächsten Handlungspunkt zu dienen.

Etwas zu viel waren mir dagegen die vielen rahjagefälligen Situationen. Natürlich gehören Sexualität, Liebe und Begehren ausdrücklich zu den Themen des Romans, und für Mikails persönliche Entwicklung haben diese Szenen durchaus ihre Berechtigung. Trotzdem hätte man manche Passage etwas kürzer gestalten können.

Gleichzeitig muss ich dem Roman zugutehalten, dass genau diese Situationen Mikails Unsicherheit verdeutlichen. Er muss nicht nur lernen, ein Baron zu sein. Er muss überhaupt erst herausfinden, wer Mikail Ouvenske eigentlich ist und welches Leben er führen möchte. Seine Beziehungen zu anderen Menschen sind ein Bestandteil dieser Entwicklung.

Sehr gut gefällt mir außerdem der Kontrast zwischen den verschiedenen Religionen und ihren Ausprägungen. Auf der einen Seite stehen Rahjas Lebensfreude und körperliche Liebe, auf der anderen Borons Verhältnis zu Tod und Untoten und schließlich Praios‘ Streben nach Wahrheit und Ordnung. Gerade bei Savertin zeigt sich jedoch, wie gefährlich es werden kann, wenn aus diesem Streben Fanatismus entsteht.

Dass Praios am Ende selbst ein ziemlich eindeutiges Urteil fällt, gehört dabei zu den wirkungsvolleren Momenten des Romans: Als Savertin das göttliche Urteil nicht akzeptieren will, trifft ihn tatsächlich ein Bannstrahl, woraufhin Mikail und Thezmar für unschuldig erklärt werden.

Unterm Strich hätte ich mir also eine etwas überraschendere Geschichte, weniger ausführliche Rahja-Passagen und an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr Tiefe gewünscht. Das Grundgerüst funktioniert für mich aber ausgesprochen gut.

Vor allem ist „Das Galgenschloss“ unterhaltsam und gut lesbar. Nach „Aus dunkler Tiefe“ (DSA-Roman Nr. 28) ist dies für mich ein weiteres Werk von Barbara Büchner, das zeigt, dass ihr gerade düstere und leicht unheimliche Geschichten im DSA-Universum gut liegen.

Wer Geschichten über Vampire, alte Familiengeheimnisse, bornländische Adelshäuser und religiöse Konflikte mag, dürfte mit diesem Roman einiges anfangen können. Gleichzeitig eignet sich das Buch meiner Meinung nach auch für DSA-Einsteiger recht gut, weil man kein enormes Vorwissen über Aventurien benötigt, um Mikails Geschichte folgen zu können.

Meine Wertung: 3,5 von 5 Sternen.

Kein außergewöhnlich komplexer DSA-Roman, aber eine schön düstere und fokussiert erzählte Geschichte mit einem sympathischen Hauptcharakter, einer über weite Strecken gelungenen Atmosphäre und einer Bedrohung, die gerade deshalb funktioniert, weil man sie lange nicht vollständig greifen kann. „Das Galgenschloss“ ist für mich deutlich stärker als „Das letzte Lied“ und ein weiterer gut lesbarer DSA-Roman von Barbara Büchner.

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