Das letzte Lied
Seitenzahl: 294 Seiten
Autor: Gun-Britt Tödter
Cover: Manfred Halder
Illustration: Ralf Hlawatsch
Region: Svelltland, Tiefhusen, Tjolmar, Hilvalla, Hilgerds Heim, Norhus
Erschienen: Mai 1998
Bei: Heyne
Buchnummer: R32
Erhältlich bei: Ulisses
Inhalt „Das letzte Lied“
Tjalf Sturmlied ist ein Skalde, ein Sänger vom Volk der Thorwaler. Nachdem er die Kriegerin Jara vor dem Tod gerettet hat, verliebt er sich in die junge Frau. doch er fürchtet die unbezähmbare Kampfeswut, die in seinem Innern schlummert, die nicht unterscheidet zwischen Freund und Feind – und auch die Geliebte nicht verschont.
— Klappentext des Werkes; zur Weiterverwendung siehe Ulisses-Disclaimer
Zusatzinformationen:
Einige Charaktere kommen tauchen auch in dem Abenteuer Das Levthansband auf.
Für Spieler der Phileasson-Kampagne ist es ratsam, dieses Buch nicht zu lesen, da es viele Informationen über die Abenteuer der Phileasson-Kampagne bereithält.
Bewertung der Redaktion
- Bewertung
Fazit
Nachdem ich zuletzt den DSA-Roman „Heldenschwur“ gelesen hatte, führte mich mein chronologischer Streifzug durch die Welt der DSA-Romane direkt zum zweiunddreißigsten Band „Das letzte Lied“ von Gun-Britt Tödter. Mein Ziel bleibt weiterhin, sämtliche offiziellen DSA-Romane einmal vollständig zu lesen und anschließend hier auf der Webseite zu besprechen. Bereits der Klappentext machte neugierig, denn mit Thorwalern, Zwergen, Elfen, Werwölfen und einer geheimnisvollen Zwergenmine vereint der Roman viele klassische Elemente Aventuriens. Gleichzeitig war ich gespannt, wie sich diese unterschiedlichen Handlungsstränge zu einer gemeinsamen Geschichte entwickeln würden. Ob mich der Roman überzeugen konnte oder warum ich am Ende doch einige Schwierigkeiten mit ihm hatte, erfahrt ihr wie immer in meinem persönlichen Fazit.
Charakterbeschreibung
Wie schon viele DSA-Romane der damaligen Zeit setzt Das letzte Lied auf eine größere Gruppe unterschiedlicher Hauptfiguren. Diese stammen aus verschiedenen Kulturen Aventuriens und bringen dadurch sehr unterschiedliche Sichtweisen mit in die Geschichte. Grundsätzlich besitzt jede Figur interessante Ansätze, allerdings empfand ich es beim Lesen häufig als schwierig, wirklich eine enge Bindung zu den Charakteren aufzubauen. Die Handlung springt dafür zu häufig zwischen den einzelnen Perspektiven hin und her, sodass viele Figuren nur vergleichsweise wenig Zeit erhalten, sich vollständig zu entfalten. Ich hoffe daher auch, dass ich alle Charaktere richtig im Folgenden wiedergebe.
Tjalf Sturmlied
Im Mittelpunkt des Romans steht der thorwalsche Skalde Tjalf Sturmlied. Er ist nicht nur Sänger und Geschichtenerzähler, sondern zugleich ein erfahrener Kämpfer, der seine Vergangenheit mit sich herumträgt. Besonders gelungen fand ich, dass Gun-Britt Tödter ihn nicht als unfehlbaren Helden darstellt. Hinter seinem selbstbewussten Auftreten verbirgt sich ein Mann, der immer wieder mit sich selbst ringt und Angst davor hat, anderen Menschen Leid zuzufügen. Gerade diese inneren Konflikte verleihen ihm eine gewisse Tiefe.
Seine Beziehung zu Jora entwickelt sich über weite Strecken des Romans glaubwürdig und gehört zu den stärkeren Elementen der Geschichte. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass seine Gedanken und Beweggründe an manchen Stellen noch ausführlicher beschrieben worden wären.
Jora Eddasdottir
Jora Eddasdottir begegnet dem Leser bereits zu Beginn des Romans schwer verletzt im Svellttal. Der Roman eröffnet mit ihrer Rettung durch Tjalf und den Elfen Jelindraél und legt damit den Grundstein für die weitere Handlung.
Sie verkörpert das klassische Bild einer thorwalschen Kriegerin: mutig, entschlossen, manchmal stur und stets bereit, sich jeder Gefahr entgegenzustellen. Gleichzeitig besitzt sie eine überraschend gefühlvolle Seite, die besonders im Zusammenspiel mit Tjalf immer wieder sichtbar wird. Dadurch wirkt sie deutlich vielschichtiger als zunächst angenommen.
Jelindraél Feenlicht
Der Elf Jelindraél Feenlicht zählt für mich zu den sympathischsten Figuren des Romans. Als Heiler und Waldläufer bildet er häufig den ruhenden Gegenpol zu den impulsiveren Thorwalern. Seine ruhige, besonnene Art sorgt immer wieder für angenehm entschleunigte Momente.
Besonders interessant ist dabei sein elfischer Blick auf die Menschenwelt. Er beobachtet vieles mit einer gewissen Distanz, ohne dabei überheblich zu wirken. Gerade seine Gespräche mit Tjalf gehören für mich zu den gelungensten Dialogen des Romans.
Lihjana Feensang
Auch die Elfe Lihjana Feensang erhält im Verlauf des Romans eine wichtige Rolle. Sie besitzt eine starke Verbindung zur Natur und erkennt Gefahren häufig früher als ihre menschlichen Begleiter. Gleichzeitig bringt sie eine gewisse Mystik in die Handlung, ohne dabei zu sehr in den Vordergrund gedrängt zu werden.
Leider bleibt ihre Persönlichkeit für meinen Geschmack etwas oberflächlich. Gerade weil sie einige wichtige Entwicklungen der Geschichte begleitet, hätte ich mir mehr Hintergrundinformationen zu ihrer Vergangenheit gewünscht.
Barek, Sohn des Beragam
Mit Barek erhält der Roman seinen wichtigsten Zwergencharakter. Er ist kampferprobt, direkt und besitzt den für viele Angroschim typischen trockenen Humor. Seine Gespräche mit den übrigen Figuren lockern die Geschichte immer wieder auf.
Gleichzeitig dient Barek als Bindeglied zur später wichtigen Handlung rund um die Zwergenmine Umrazim. Dadurch gewinnt seine Figur im Verlauf der Geschichte zunehmend an Bedeutung.
Gerinbold Perkun
Der Magier Gerinbold Perkun übernimmt häufig die Rolle des vernünftigen Denkers innerhalb der Gruppe. Er versucht Ereignisse logisch zu erklären und verschiedene Hinweise miteinander zu verbinden. Gerade im Zusammenspiel mit den Elfen entstehen dadurch interessante Gespräche über Magie, Prophezeiungen und die Gefahren des Svellttals.
Gharom
Zu den Gegenspielern zählt der Zwerg Gharom, dessen Pläne sich nach und nach entfalten. Bereits der Prolog macht deutlich, dass hier im Hintergrund größere Ereignisse vorbereitet werden. Seine Verbindung zur Mine Umrazim und zu den geheimnisvollen Artefakten entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem zentralen Bestandteil der Handlung.
Bereits an der Figurenübersicht zeigt sich eines der größten Probleme des Romans. Eigentlich besitzen nahezu alle Charaktere interessante Ansätze und könnten einen Roman problemlos tragen. Allerdings verteilt Gun-Britt Tödter ihre Aufmerksamkeit auf sehr viele Personen gleichzeitig. Dadurch wechseln die Perspektiven häufig, während einzelne Figuren oftmals nur wenige Seiten später wieder aus dem Fokus verschwinden.
Gerade deshalb fiel es mir schwer, eine wirklich enge Beziehung zu den einzelnen Charakteren aufzubauen. Viele Handlungsabschnitte wirken eher wie kurze Momentaufnahmen als wie eine kontinuierliche Entwicklung der Figuren. Die Grundlagen für spannende Persönlichkeiten sind definitiv vorhanden – meiner Meinung nach hätte der Roman aber davon profitiert, sich auf einige wenige Hauptfiguren stärker zu konzentrieren.
Nacherzählung
Die Geschichte beginnt im Svellttal, wo der thorwalsche Skalde Tjalf Sturmlied gemeinsam mit dem Elfen Jelindraél Feenlicht die schwer verletzte Jora Eddasdottir findet und rettet. Schon bald wird deutlich, dass ihr Schicksal mit einer deutlich größeren Bedrohung zusammenhängt, deren Ursprung tief in der Geschichte der Region verborgen liegt.
Im Verlauf des Romans schließen sich weitere Gefährten an, darunter Zwerge, Elfen und Magier, die gemeinsam den Geheimnissen der alten Zwergenmine Umrazim nachgehen. Während die Gruppe versucht, verschiedene Hinweise zusammenzuführen, geraten ihre Mitglieder immer wieder in gefährliche Situationen und stoßen auf uralte Geheimnisse, die schließlich das Schicksal der Mine besiegeln.
Die Handlung entwickelt sich insgesamt recht geradlinig und verbindet mehrere Erzählstränge miteinander. Dabei wechseln die Perspektiven allerdings sehr häufig zwischen den einzelnen Figuren und Schauplätzen. Dadurch erhält der Leser zwar einen umfassenden Blick auf das Geschehen, gleichzeitig bleiben viele Szenen jedoch recht kurz und können ihre Wirkung nicht immer vollständig entfalten.
Gerade die Geschichte rund um Umrazim bildet für mich den spannendsten Teil des Romans. Hier steckt viel Potenzial für ein eigenes DSA-Abenteuer, das mit etwas zusätzlicher Ausarbeitung hervorragend am Spieltisch funktionieren könnte.
Szenendarstellung / Atmosphäre
Atmosphärisch besitzt Das letzte Lied viele gute Ansätze. Besonders die Beschreibungen des Svellttals und der zwergischen Kultur haben mir gefallen. Gun-Britt Tödter gelingt es, die unterschiedlichen Regionen Aventuriens glaubwürdig darzustellen und den verschiedenen Völkern ihre eigene Identität zu geben. Gerade die Begegnungen zwischen Thorwalern, Zwergen und Elfen sorgen immer wieder für interessante kulturelle Unterschiede, die das Aventurien-Gefühl stärken.
Am stärksten empfand ich jedoch die Szenen rund um Umrazim. Die alte Zwergenmine besitzt von Beginn an eine geheimnisvolle Ausstrahlung. Je tiefer die Handlung in ihre Geschichte eintaucht, desto besser gelingt es der Autorin, eine bedrückende und gleichzeitig faszinierende Atmosphäre aufzubauen. Gerade wenn man später erfährt, weshalb die Mine schließlich verschüttet wird, erhält dieser Ort noch einmal deutlich mehr Gewicht. Für mich steckt in diesem Teil des Romans sogar das Potenzial für ein richtig gutes DSA-Gruppenabenteuer – vorausgesetzt, man würde die Handlung stärker ausarbeiten und den Figuren mehr Raum geben.
Leider leidet die Atmosphäre insgesamt unter der Erzählstruktur. Viele Situationen werden nur kurz beschrieben und anschließend sofort wieder verlassen. Kaum beginnt eine Szene Spannung aufzubauen, springt der Roman bereits zur nächsten Figur oder einem anderen Schauplatz. Dadurch fehlt häufig die Zeit, die Atmosphäre vollständig wirken zu lassen oder sich emotional auf die Charaktere einzulassen.
Auch die Figuren selbst hätten meiner Meinung nach von längeren gemeinsamen Szenen profitiert. Gerade weil viele von ihnen interessante Hintergründe besitzen, wäre es schön gewesen, ihre Beziehungen untereinander intensiver kennenzulernen. So bleiben manche Charaktere trotz guter Ansätze erstaunlich blass.
Der Schreibstil selbst liest sich angenehm flüssig und unkompliziert. Sprachlich hatte ich keinerlei Probleme, dem Roman zu folgen. Mein größter Kritikpunkt richtet sich daher weniger gegen den Stil als vielmehr gegen das Erzähltempo. Gun-Britt Tödter erzählt viele interessante Ideen, gönnt ihnen aber oft nicht die Zeit, die sie verdient hätten. Dadurch wirkt der Roman stellenweise fast so, als würde er von Handlungspunkt zu Handlungspunkt eilen, ohne zwischendurch innezuhalten. Das tut der bestimmt guten Story keinen Gefallen, sodass diese recht vorhersehbar wird.
Fazit
Das letzte Lied gehört für mich leider zu den schwächeren DSA-Romanen der klassischen Reihe. Dabei liegt das keineswegs an der Grundidee. Im Gegenteil: Die Geschichte rund um die Zwergenmine Umrazim und ihre spätere Verschüttung fand ich sogar ausgesprochen spannend. Gerade als DSA-Spieler erhält man hier interessante Hintergrundinformationen, die man hervorragend als Grundlage für ein eigenes Abenteuer nutzen könnte. Mit etwas mehr Ausarbeitung ließe sich daraus ein richtig atmosphärisches Gruppenabenteuer entwickeln.
Meine größten Probleme hatte ich allerdings mit der Erzählweise. Gun-Britt Tödter springt sehr häufig zwischen den einzelnen Figuren und Schauplätzen hin und her. Viele Situationen werden nur kurz angerissen, bevor der Roman bereits wieder zur nächsten Szene wechselt. Dadurch fiel es mir schwer, wirklich in die Geschichte einzutauchen oder eine engere Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Gerade wenn einzelne Figuren interessanter wurden, wechselte die Perspektive bereits wieder, sodass ihre Entwicklung oft nur oberflächlich wirkte.
Das führte auch dazu, dass ich die wahren Absichten vieler Charaktere erst sehr spät oder teilweise gar nicht richtig greifen konnte. Eigentlich besitzt der Roman eine Vielzahl spannender Persönlichkeiten, doch leider bekommen sie insgesamt zu wenig Raum, um ihre Beweggründe und ihre Entwicklung ausführlicher darzustellen. Dadurch wirkte der Roman auf mich stellenweise fast so, als wäre er etwas zu schnell erzählt oder „heruntergeschrieben“ worden.
Positiv hervorheben möchte ich dagegen erneut die Geschichte rund um Umrazim. Besonders für Leser, die sich für die Geschichte der Zwerge Aventuriens interessieren, bietet der Roman einige interessante Einblicke. Hinzu kommt, dass mehrere Figuren später auch in der Phileasson-Kampagne sowie im Abenteuer Das Levthansband erneut auftauchen. Wer diese Werke kennt oder noch spielen möchte, entdeckt hier einige spannende Verknüpfungen innerhalb des DSA-Hintergrunds.
Dennoch konnte mich Das letzte Lied insgesamt nicht vollständig überzeugen. Zu viele gute Ideen werden nur angerissen, zu viele Figuren bleiben trotz ihres Potenzials vergleichsweise blass und die häufigen Perspektivwechsel verhindern, dass sich eine durchgehend dichte Atmosphäre entwickelt. Dabei wäre gerade aus den Charakteren und der Geschichte der Zwergenmine deutlich mehr herauszuholen gewesen.
Für zwergisch interessierte Leser oder Fans der Geschichte Umrazims ist der Roman sicherlich einen Blick wert. Wer jedoch eine tiefgehende Charakterentwicklung oder eine kontinuierlich erzählte Handlung erwartet, dürfte ähnliche Schwierigkeiten haben wie ich.
Das letzte Lied besitzt interessante Ansätze und erweitert den aventurischen Hintergrund um einige spannende Aspekte der Zwergengeschichte. Leider verschenkt der Roman durch seine sprunghafte Erzählweise viel Potenzial und lässt viele Figuren hinter ihren Möglichkeiten zurück. Für mich bleibt deshalb ein eher durchschnittlicher DSA-Roman, der zwar seine Momente hat, insgesamt aber hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
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Bildquellen
- Das letzte Lied DSA Roman R32: Manfred Halder © Alle Rechte vorbehalten. ©Heyne Alle Rechte vorbehalten.

