Das Gesicht am Fenster
Seitenzahl: 496 Seiten
Autor: Bernhard Hennen
Cover: Dieter Rottermund
Illustration: Ralf Hlawatsch
Region: Al’Anfa, Horasreich
Erschienen: Juni 1997
Bei: Heyne
Buchnummer: R24
Erhältlich bei: Ulisses
Inhalt „Das Gesicht am Fenster“
Der Friede der letzten Gottesnamen und eine leere Geldkatze zwingen den Söldner Tikian, sein Leben im „Schlund“ zu fristen, dem Elendsviertel Al’Anfas. Dort erweckt das Gesicht einer Frau seine Aufmerksamkeit, die nachts am Fenster eines Hauses sitzt. Bei Tag indes findet er nur eine Ruine vor. Tikian hält sich nicht an den Rat, in Al’Anfa keine Fragen zu stellen, und so stoßen seine Nachforschungen auf Mauern des Schweigens. Bis ihm eine Bettlerin eine Geschichte erzählt …
— Klappentext des Werkes; zur Weiterverwendung siehe Ulisses-Disclaimer
Zusatzinformationen:
Zusammen mit „Die Nacht der Schlange“ ist dieser Roman auch im Sammelband „Im Schatten des Raben“ erschienen.
Marcian, der Hauptprotagonist, ist auch Hauptfigur in Bernhard Hennens Trilogie „Das Jahr des Greifen“.
Bewertung der Redaktion
- Bewertung
Fazit
Ich habe Das Gesicht am Fenster gelesen, weil ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle DSA-Romane zu lesen. Nach Das letzte Duell von Hans Joachim Alpers war ich neugierig, wieder einen Roman von Bernhard Hennen zur Hand zu nehmen, dessen Stil ich seit vielen Jahren schätze – auch wenn er mich nicht immer restlos überzeugt. Zudem reizte mich das klare Versprechen eines Al’Anfa-Romans, denn die Schwarze Perle Aventuriens bietet erzählerisch ganz eigene Möglichkeiten.
Al’Anfa ist kein Ort für strahlende Helden oder klare Moral. Intrigen, Machtspiele, Sklaverei, Dekadenz und religiöse Abgründe gehören hier zum Alltag. Genau dieses Spannungsfeld nutzt Hennen in Das Gesicht am Fenster konsequent aus. Ich wollte wissen, ob es ihm gelingt, aus diesem düsteren Setting eine fesselnde Geschichte zu formen, die mehr ist als nur ein Kriminalfall mit exotischer Kulisse.
Im Folgenden gehe ich auf Inhalt, Figuren und Atmosphäre des Romans ein, bevor am Ende meine persönliche Meinung und Bewertung stehen.
Inhalt
Charakterbeschreibung
Die große Stärke von Das Gesicht am Fenster liegt in seinen Figuren. Hennen gelingt es, Charaktere zu erschaffen, die nicht nur funktional für die Handlung sind, sondern der Geschichte ihren ganz eigenen Charme verleihen.
Tikian
Tikian ist der Protagonist des Romans – ein ehemaliger Söldner und Fechter, der nach politischen Wirren und persönlichen Fehlentscheidungen im Elendsviertel Schlund von Al’Anfa gestrandet ist. Er ist kein klassischer Held, sondern ein Überlebenskünstler, der sich mit Gelegenheitsarbeiten, Glück und einer gehörigen Portion Zynismus durchschlägt.
Was Tikian auszeichnet, ist seine Neugier – und genau diese wird ihm zum Verhängnis. Er hält sich nicht an die wichtigste Regel Al’Anfas: Stelle keine Fragen. Sein Charakter lebt von inneren Widersprüchen: Stolz und Resignation, Ehrgefühl und Anpassung, Mut und Überlebensinstinkt. Gerade diese Ambivalenz macht ihn glaubwürdig und tragfähig über den gesamten Roman hinweg.
Consuela
Consuela ist eine Konkubine aus dem Umfeld der al’anfanischen Oberschicht. Sie ist elegant, gebildet, machtbewusst – und zugleich gefangen in den Zwängen ihrer Rolle. Anfangs wirkt sie kühl, berechnend und klar auf ihre eigene Sicherheit bedacht.
Ihr späterer Sinneswandel gegenüber Tikian ist ein zentraler Punkt der Geschichte, aber auch einer der wenigen Schwachpunkte des Romans. Der Umschwung kommt relativ plötzlich und hätte mehr erzählerische Vorbereitung verdient. Dennoch bleibt Consuela eine faszinierende Figur, weil sie zeigt, wie gefährlich Nähe in Al’Anfa sein kann.
Takate
Takate ist ein mohanischer Krieger, dessen Hintergrundgeschichte von Rache, Trauma und Gewalt geprägt ist. Er tritt als Gegenspieler auf, bleibt jedoch über weite Strecken seltsam isoliert von der eigentlichen Handlung. Zwar sind seine Szenen atmosphärisch dicht und brutal, doch erzählerisch bleibt sein Beitrag begrenzt.
Für mich wirkt Takate wie ein Charakter, der thematisch zwar gut in die Welt passt, aber keinen echten Mehrwert für den zentralen Plot bietet. Seine Rolle bleibt zu randständig, seine Entwicklung zu kurz. Hier hätte man entweder mehr Tiefe investieren oder ihn ganz weglassen können.
Nebenfiguren
Ein besonderes Lob verdienen die zahlreichen Nebenfiguren: Bettler, Sklaven, Priester, Söldner und Patrizier wirken lebendig und glaubwürdig. Gerade die kurzen Begegnungen im Schlund und auf dem Silberberg zeigen Hennens Stärke im Zeichnen sozialer Milieus.
Nacherzählung
Der Roman beginnt im Dschungel und danach mit Tikian. Er schlägt sich als Leibwächter und Gelegenheitsfechter durch, stets darauf bedacht, nicht aufzufallen und landet dann als Sklave bei Consuela.
Eines Nachts jedoch sieht er etwas Ungewöhnliches: das Gesicht einer Frau, das hinter einem Fenster erscheint. Merkwürdig ist nicht nur der Blick dieser Frau, sondern auch die Tatsache, dass das Haus bei Tageslicht als verfallene Ruine erscheint. Tikian wird neugierig – ein Fehler in einer Stadt, in der Neugier tödlich sein kann.
Seine Nachforschungen führen ihn tiefer in die Schatten Al’Anfas. Niemand will etwas wissen, niemand stellt Fragen, und überall stößt Tikian auf Schweigen. Eine teils verwirrte Bettlerin erzählt ihm schließlich eine Geschichte, die von Schuld, Verrat und alten Sünden handelt – und die ihn nicht mehr loslässt.
Parallel dazu entfaltet sich ein zweiter Handlungsstrang um Takate, dessen Weg von Gewalt und Rache bestimmt wird. Seine Geschichte ist roh, blutig und schonungslos erzählt. Sie bildet einen harten Kontrast zu den subtileren Intrigen Al’Anfas.
Je weiter Tikian gräbt, desto deutlicher wird, dass das Gesicht am Fenster mit einem uralten Verbrechen und den dunklen Fundamenten der Stadt zusammenhängt. Der Silberberg, Sitz der Macht und Reichtums, entpuppt sich als Ort, an dem Moral längst dem Kalkül geopfert wurde.
Der Roman steigert sich langsam, aber stetig. Intrigen verflechten sich, alte Bündnisse zerbrechen, und Tikian gerät mit seinen Freunden und Verbündeten immer tiefer in ein Netz aus Schuld und Abhängigkeit. Entscheidungen haben Konsequenzen – und nicht jede Wahrheit ist es wert, ans Licht gebracht zu werden.
Im Epilog schließlich kehrt Hennen zu bekannten Figuren aus anderen Romanen zurück. Diese Rückbezüge sind nicht nur Fanservice, sondern verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe. Al’Anfa und der Rest Aventuriens wirkt dadurch wie ein lebendiger Ort, an dem Geschichten weitergehen, auch wenn der Roman endet. Die Charaktere findet man anschließend in weiteren oder zuvor erschienenen Romanen wieder.
Szenendarstellung / Atmosphäre
Atmosphärisch ist Das Gesicht am Fenster ein typischer Bernhard Hennen – im besten Sinne. Die Stadt Al’Anfa wird nicht als exotische Kulisse genutzt, sondern als aktiver Teil der Geschichte. Macht, Religion und Korruption sind allgegenwärtig.
Der Schlund ist schmutzig, brutal und hoffnungslos. Hennen beschreibt ihn eindringlich, aber ohne voyeuristisch zu werden. Der Silberberg hingegen wirkt kühl, kontrolliert und abgehoben – hier herrscht Macht ohne Mitgefühl. Dennoch hätte ich mir an einigen Stellen noch mehr Kontrast zwischen diesen Stadtteilen gewünscht, um ihre Unterschiede stärker herauszuarbeiten. Besonders, was das Leben der Granden und deren Stil betrifft.
Wie oft bei Hennen nimmt sich der Roman Zeit. Manche Passagen sind bewusst langsam erzählt, mit vielen inneren Monologen und Beobachtungen. Das kann stellenweise etwas langatmig wirken, trägt aber insgesamt zur dichten Atmosphäre bei. Die Spannung bleibt über weite Strecken erhalten, auch wenn das Erzähltempo gelegentlich schwankt.
Besonders gelungen ist die subtile Bedrohung: Gewalt ist stets präsent, aber selten offen. Ein falsches Wort, ein falscher Blick kann tödlich sein – und genau das macht Al’Anfa so glaubwürdig.
Fazit
Das Gesicht am Fenster ist ein sehr gelungener und spannender DSA-Roman, der vor allem durch seine Charaktere und sein stimmiges Al’Anfa-Setting überzeugt. Tikian ist ein glaubwürdiger, vielschichtiger Protagonist, dessen Weg man gerne verfolgt. Die Nebenfiguren verleihen der Geschichte Tiefe und Authentizität.
Gestört hat mich der zu plötzliche Sinneswandel von Consuela um Tikian, der erzählerisch etwas besser hätte vorbereitet werden können. Auch der Charakter Takate bleibt für mich problematisch: Er wirkt wie eine Nebenerscheinung, die kaum zum Vorankommen der Geschichte beiträgt. Seine Rolle hätte man straffen oder ganz streichen können, ohne dem Roman zu schaden.
Wie man es von Bernhard Hennen kennt, ist der Roman stellenweise etwas langatmig, wird aber insgesamt von einem guten Spannungsbogen getragen. Etwas mehr Beschreibung von Al’Anfa selbst – insbesondere der Unterschiede zwischen Schlund und Silberberg – hätte dem Roman zusätzlich gutgetan.
Sehr positiv hervorzuheben ist der Epilog, in dem viele bekannte Figuren wieder auftauchen. Diese Verknüpfung mit anderen Romanen lässt Aventurien lebendig wirken und ist besonders für erfahrene Leser ein großes Plus.
Endnote: 4,5 von 5 Sternen.
Ein atmosphärisch dichter, charakterstarker und spannender DSA-Roman, der Al’Anfa von seiner düsteren, faszinierenden Seite zeigt. Trotz kleiner Schwächen ist Das Gesicht am Fenster absolut empfehlenswert – sowohl für Fans von Bernhard Hennen als auch für Leser, die Aventurien jenseits klassischer Heldengeschichten erleben wollen.
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Bildquellen
- Das Gesicht am Fenster DSA Roman R24: Dieter Rottermund © Heyne / Alle Rechte vorbehalten


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[…] Dieser Sammelband beinhaltet die Romane Das Gesicht am Fenster und Die Nacht der […]